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Reportage

In König Shakas Jagdrevier

Von Löwenrudeln, wilden Büffeln und Krokodil-Kolossen / Unterwegs in Südafrikas Zululand

Pietermaritzburg (tdt) - Franz bremst. Staub wirbelt auf. Ein Haubenreiher, im Geäst der mächtigen Schirmakazie, macht sich schreiend davon. Wortlos nimmt der Ranger sein Gewehr, in dem nur eine Patrone steckt – und lädt nach. Jetzt stecken fünf Kugeln im Lauf.

„Frische Löwenspuren“, sagt er leise. „Und Schleifspuren, von einem Tier, das sie gerissen haben“. Quer über die braunrote Piste hatten die großen Katzen ihr Opfer gezogen, ein Zebra vielleicht, womöglich auch ein Gnu.

Dann verlässt der junge Mann die Gruppe, ohne ein Wort zu sagen – die Waffe im Anschlag. Er folgt den Spuren, die in den Busch führen. Wenig später ist er zurück. „Nichts mehr“ sei von den Löwen zu sehen. Und ihrem blutigen Gelage.

Reste gehen schnell weg im Park. Wollkopfgeier brauchen zehn Minuten, dann bleiben von einer Antilope nur noch Sehnen und harte Haut zurück – Ohrengeier fressen auch das.

„Löwen lassen immer etwas liegen“, sagt Franz. Bis zu 35 Kilo verschlingen sie auf einmal - und schlafen hernach 20 Stunden. Dann schlägt die Stunde der Hyänen: Das gefleckte Raubtier frisst alles, Knochen, Hufe, Zähne – nur die Hörner der großen Antilopen lässt es liegen. Und den Mageninhalt der Beute.

Das ist hier so, und anderswo in Afrika. Und dennoch im Hluhluwe-Umfolozi-Park nicht selbstverständlich. Schon 1895 stellte die Kolonialregierung Natals 89 000 Hektar unter ihren Schutz. Doch weil die Viehfarmer des Zululandes die wilden Tiere für den Ausbruch der Schlafkrankheit verantwortlich machten, knallten sie alles ab, was im ehemaligen Jagrevier des mächtigen Zulu-Königs Shaka vor ihre Flinte kam. 26 000 Tiere blieben auf der Stecke, der Rest besorgte – im Kampf gegen die Tsetsefliege - DDT: Nur einige Nashörner trotzten dem Gift.

Heute leben im ältesten Nationalpark des schwarzen Kontinentes wieder 2424 Rhinos. Und 13 Flusspferde, 150 Leoparden, 120 Löwen, 375 Elefanten, 4223 Zebras und 6767 Büffel – mitten zwischen 1200 Pflanzenarten.

Dann stellten sich auf einmal die Nackenhaare auf. Der junge Ranger entdeckte am Mpaafa Hide am Rande der Wasserpfützen Leopardenspuren, als es einsetzte – jenes Gebrüll aus tiefer Kehle, dunkel, wild, animalisch. „Keine Katzen“, beruhigt Franz. „Imapalas.“

Fahrten durch Parks zupfen mitunter an den Nerven. Tagsüber, weil hinter jeder Biegung ein neues Abenteuer wartet. Und nachts, weil es stockfinster ist: Die Temperaturen fallen, aus Mücken werden Elefanten. Dann kreisen die Gespräche um die Gefahr des Buschlandes.

Die gefährlichsten Tiere seien die bis zu eine Tonne schweren Büffel, sagt Rosmarie. Es brauche drei Löwenmännchen, um einen zu erledigen. Seit mehr als 30 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin in der südafrikanischen Provinz Kwazulu-Natal. Und hat seitdem tausende von Kilometern durch die Wildnis zurückgelegt - zu Fuß. Sie kennt die Tiere und die Menschen – und die meisten Pflanzen. Zu Beginn der Tour hatte sie von einem Korallenbaum „lucky beans“ gepflückt – kleine, rote und hoch giftige Bohnen, „die vor Pech und Geldmangel schützen“.

36 Jahre werden im Schnitt die Menschen hier alt, sagt sie. Landarbeiter verdienten 500 Rand, umgerechnet 50 Euro, oder etwas mehr, manchmal aber auch nur ein Drittel davon. Viel Hoffnung setzen die Einheimischen auf den Tourismus, den die Tiere anziehen – und die Menschen machen. Etwa in Nompondo am Rande des Parks, wo die Dorfbewohner zwei Bungalows für Gäste herrichten – und sie zum Kirchgang, zu Wanderungen und ihren Tänzen mitnehmen. Man freue „sich über jeden, der kommt“, sagt Mdu, der das einfache Mittagsbuffet aufbaut – „Bum-bum-Beans“ und Putu, ein Maisbrei, dazu gehackter Kohl mit Tomaten und Zwiebeln.

Wieder bremst Franz. Sanft, aber plötzlich, anderntags, gleich nach der Abfahrt früh am Morgen. Giraffen, ein halbes Dutzend, fast sechs Meter hoch. Eine jede mit Schlafzimmerblick und halber Meter langer Zunge. Eine trinkt, geht in die Knie – und neigt den Kopf dabei fast senkrecht.

Dann häufen sich die Stopps. Warzenschweine, mit 60 Zentimeter langen Stoßzähnen; Rudel von Zebras, die auch bei höchsten Temperaturen keinen Schatten suchen; und Nashörner, 2000 Kilogramm schwer, die ihre Wanderwege mit Bergen von Kot markieren. Eigentlich hat auch das Rhinozeros keine Feinde, bis auf junge Elefanten. Sie töteten in zehn Jahren im Park 38 Nashörner, nur weil sie ihnen in die Quere kamen.

Letzter Halt, hoch über dem weißen Umfolozi. Mongolagasan heißt die Stelle. Oder so ähnlich. Zulu sei eine komplizierte Sprache, sagt Rosmarie. Zu einem Lichtschalter sagten sie, „das Ding an der Wand, um Licht auszumachen“.

Unten, am Flussbett, ein einzelner Büffel. Und womöglich Krokodile. Sechs Meter lang werden die flinken Kolosse, die schwerer sind als ein Smart. Sie mögen frisches Fleisch - und kommen von allen Seiten, haben sie ein Opfer erspäht. Sie ziehen es ins Wasser und ersäufen es, um dann den Kadaver in Stücke zu reißen.

Dann geht Franz runter auf die weiße Sandbank - dort, wo der Fluss seit Jahrtausenden eine majestätische Biegung von fast 45 Grad nach Matelan nimmt. Der hellblonde Ranger wadet durch die Fluten. Was er sucht, sagt er nicht. Natürlich hat er sein Gewehr dabei – mit einer Patrone im Lauf.

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